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3 Dezember, Montag, 17:21 – Mach Dein Belarus auf Deutsch!!
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Die Unabhängigkeit


12/27/2006 - 23:38 / Uladzimir Arlou

Unabhängigkeit ist, wenn du in einem Entbindungsheim geboren wirst, wo es keine sterilen sowjetischen Schaben gibt, aber Einwegspritzen und Pillen.

Unabhängigkeit ist, wenn dein Vater zum Standesamt kommt, um deine Geburtsurkunde verlangt, in der du den gleichen Namen wie dein Großvater Rygor bekommst, und die Frau die dort sitzt, ihm ganz ruhig dieses Dokument gibt, ohne aus dem Tisch ein „Nachschlagewerk der sowjetischen Namen“ herauszuziehen und deinem Vater hysterisch mit dem Händen zu erklären, dass er seinen Sohn problemlos Fajzula oder sogar Mamaj nennen kann, aber nicht Rygor, weil ein solcher Name überhaupt nicht existiert (Es gibt einen normalen Namen – Grigorij).

Unabhängigkeit ist, wenn du zur Schule gehst und in deiner Sprache lernst (und das Mädchen Grazhyna, das du im Kindergarten mochtest – in ihrer Sprache, und dein Nachbar Mischa, dessen Vater Isaak heißt, - in seiner Sprache, und ein Freund deines Nachbars Alescha, dessen Eltern hierher gekommen sind, weil man in ihrer Stadt an der Wolga, um Milch zu kaufen, ab 5 Uhr morgens in der Schlange stehen muss, - in seiner Sprache).

Du wirst in deiner Sprache lernen und dein Vater braucht dafür nicht den ganzen Sommer Eingaben bei den Menschen zu sammeln, die, abgesehen davon, dass sie ihre Kinder genau wie deine Eltern lehren, nie daran gedacht haben, denn sie sind im Internationalismus aufgewachsen. Und der Direktor braucht diese Eingaben nicht dreimal zu verlieren und eine Sekretärin – zweimal, und am 1.September wirst du nicht bei der Schulversammlung hören, dass „sich die materiell-technische Grundlage deiner Schule mit jedem Jahr verbessert“, und wenn du in deine Klasse kommst, wirst du nicht erfahren, dass es dank der vielen Sorgen der Partei und der Regierung nur eine Fibel und zwei Mathematiklehrbücher auf Muttersprache für die ganze Klasse gibt.

Unabhängigkeit ist, wenn deine Druzhina nicht das Recht, Druzhina von Pavlik Marozau oder Aliaksandar Miasnikou zu heißen, bekämpfen muss, weil alle schon wissen, wie Pavlik seinen Vater liebte und wie Miasnikou das belarussische Volk mochte.

Unabhängigkeit ist, wenn du ein Student bist und dein dunkelhäutiger Altersgenosse aus Madagaskar, der für das Geld seines und nicht deines Landes studiert, dich in der Mathematikvorlesung fragt, was das Wort „Imavernasc“ bedeutet, und du ihm das auf Französisch erklärst.

Unabhängigkei ist, wenn du deinen Wehrdienst nicht weiter entfernt als in der an der Grenze liegenden Stadt oder im Dorf ableisten wirst. Und du mußt dann nie Gras färben und das Territorium „von hier und bis zum Mittagessen“ aufräumen. Und am Wochenende kannst du deine Eltern oder deine Freundin besuchen. Niemand wird dich „Bulbasch“ und deinen Freund „Tschernozhopyj“ nennen, weil ihr auf eurer Sprache denkt und träumt.

Unabhängigkeit ist, wenn deine Freundin sagt, dass sie das Wochenende in Wien verbringen möchte, und du versprichst ihr, dass ihr am Samstag Kaffee im Schönbrunnpalast gegenüber trinken werdet. Und niemand wird dich vor der Reise fragen, ob du in der Kindheit ein Jude warst, ob du früher im Ausland warst und wenn ja, dann warum du von dort zurückgekehrt bist.

Unabhängigkeit ist, wenn du an Dziady, dem Tag der Erinnerung an die Vorfahren, zum Friedhof gehst, um dort eine Kerze anzuzünden und Blumen niederzulegen, statt am Versuch der neuen Gasballons oder des neuen Gummiknüppelmodells teilzunehmen.

Unabhängigkeit ist, wenn dein Sohn eine Fünf in Geschichte bekommen hat und du lobst ihn, weil du weißt, dass er in dem Fach eine hohe Note bekommen hat, wo man die Schlacht von Grundwald, die dein Volk vorm Sterben gerettet hat, statt der Ledowajeschlacht (Eisschlacht) und der Kollektivierung erlernt, wo man die Wahrheit über die Regierung sagt, wegen der dein Großvater erschossen wurde und deine Großmutter am Hunger gestorben ist.

Unabhängigkeit ist, wenn dich ein belarussischer Sänger aus New-York besucht und du mit ihm etwas trinkst, und danach werden dir nicht höfliche Männer, die Zivil tragen, nachdrücklich anbieten, ganz ausführlich zu beschreiben, wo und was ihr getrunken habt und was ihr dabei besprochen habt.

Unabhängigkeit ist, wenn du nicht hören kannst, wie dein Präsident alle Leute vom Bildschirm aus lehrt: "Jeder spricht so, wie er will (gesprochen auf Trasianka – eine Mischung vom Belarussischen und Russischen)“, weil dein Präsident hoch gebildet ist und mindestens eine Sprache gut spricht.

Unabhängigkeit ist, wenn aus den Fernsehsendungen die Briefe stets kämpferischer Veteranen verschwinden, wenn es keine Nachrichten über Nationalisten und Extremisten aus der Volksfront gibt, die selbst in der Nacht nicht schlafen, um untereinander, zwischen dir, Alescha und Mischa, dessen Vater Isaak hieß, und Grazhyna, die schon seit langem deine Frau ist, internationale Feindschaft auszulösen, um blutige Auseinandersetzungen anzufangen.

Unabhängigkeit ist, wenn dir niemand droht, dass dein Volk ohne den großen älteren Bruder nicht überleben kann, weil es keine eigenen Baksiten und Diamanten hat, und du verstehst, dass du umsonst Mitleid mit den Niederländern oder mit den Belgiern hattest, die entweder Baksiten und Diamanten, oder einen älteren Bruder haben.

Unabhängigkeit ist, wenn plötzlich bekannt sein wird, dass es bei uns kluge Menschen gibt und wenn irgendein Unfall passiert (ein Werk explodiert oder etwas Ähnliches), nicht auf eine kluge Kommission aus Moskau gewartet werden muss.

Unabhängigkeit ist, wenn du weißt, dass, nachdem du die Augen für immer schließt, anstelle der Kirche, in der du getauft wurdest und dich trauen lassen hast, kein Teich mit einem schmutzigem Schwan sein wird. Und der Friedhof, wo du begraben werden wirst, wird nicht abgebaut werden und wird kein von leeren Flaschen beschmutzter Park sein.

Unabhängigkeit ist …

Unabhängigkeit ist, wenn du dich von deiner Geburt bis zum Sterben nicht als ein Fremder in deinem Land fühlst. Ich glaube, dass es irgendwann so sein wird. Sonst ist das nicht lebenswert.

Februar, 1990

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