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Belarus im historischen Fokus


12/27/2006 - 22:45 / Konstantin Tarasov

Fragen unseres Korrespondenten beantwortet Schriftsteller und Journalist Konstantin Tarasov, Autor der historischen Romane und Novellen „Jagd auf Grunwald“, „Die drei Leben der Fürstin Ragneda“, „Die letzte Liebe des Fürsten Mindaugas“, „Der Goldene Hügel“, „Die hochauditorielle Überprüfung in Nezvizh oder Der Schatz des Fürsten Radziwill“ und der bekannten historischen Essays „Erinnerung an Legenden“, „Belarus. Eine Reise für Kinder“ u.a.

Gab es in der Geschichte der Belarussen eine Elite? Es existiert die feste Meinung, dass die Belarussen stets ein Bauernvolk waren und nie eigene Vertreter der Bildungsschicht hatten.
Der Begriff der „Nation“ ist mit der Konsolidierung einer Bevölkerung im Rahmen eines etablierten Staates verbunden. Die Bauern als Landarbeiter können allein keine Nation darstellen. Entweder sie entsenden aus ihren Reihen eine Verwaltungsbürokratie (Elite) oder sie unterstellen sich einer fremden Verwaltung und deren Gesetzen.
Heute sind wir keine „Bauernnation“, wir haben eine eigene Bildungsschicht, jedoch kann man nur aus Höflichkeit sagen, dass es eine belarussische Elite jenseits der begrenzten Gruppe von Literaturschaffenden gibt. Das Verhältnis der russischsprachigen Elite in unserem Land zu den Belarussen ist darauf beschränkt, dass diese Bezeichnung in ihrer Geburtsurkunde steht.
Im Allgemeinen denke ich, dass es sich nur lohnt, über Eliten zu sprechen, wenn ein Staat existiert, andernfalls hat das keinen Sinn. In den Zeiten der Existenz eines belarussischen Staates gab es stets alle notwendigen Eliten (politische, geistliche, militärische). Unter verschiedenen Bezeichnungen (Fürstentum Polozk, Großfürstentum Litauen) existierte ein belarussischer Staat vom 10. bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts, danach verschwand er praktisch (juristisch – er lag im Koma). Doch nach einiger Zeit (400 Jahren) entstand er erneut (Belarussische Volksrepublik, 1. u. 2. BSSR, LitBelSSR, BSSR, Republik Belarus). Die Bezeichnung der Nation als „Belarussen“ ist neu. Aktiv verwendet wird sie nur von wenigen seit ca. 100 Jahren. Auf diese Weise grenzen wir uns von unseren Nachbarn ab. Doch wir können die Belarussen nicht aus dem historischen Kontext reißen, aus den multiethnischen Staaten, deren Teil unsere Gebiete waren und deren Zentrum sie bildeten (zum Beispiel im Großfürstentum Litauen).
Da es im Großfürstentum Litauen (GFL) eine Staatsmacht gab, gab es auch eine Elite – die Großfürsten, mit ihrem Hof, den Kanzleien, der Armee, einem bürokratischen Apparat, Kirchen verschiedener Konfessionen. Alles waren Ortskräfte. Alle waren „ganz normale Menschen“.

Aber auf welchen Tatsachen gründet dann diese erwähnte und recht populäre „feste Meinung“?
Der belarussische Staat (GFL) hatte infolge der dynastischen Verbindung mit Polen und später der Lubliner Union einen der wichtigsten Faktoren verloren, die für die politische Einheit der Bevölkerung notwendig sind – die Staatssprache. Die so genannten Eliten, d.h., die Menschen, die besser abgesichert waren, über Macht verfügten und Entscheidungen treffen konnten, beginnt sich von ihr zu distanzieren. Nach dem Verlust der Sprache und dem Verlust des Throns für einen eigenen Monarchen (der in dieser Zeit wie kein anderer die Ansprüche des Volkes repräsentierte) ist es eigentlich schlicht absurd, vom Erhalt eines belarussischen Staates zu sprechen. Das einfache Volk lebte weiter in den gleichen Dörfern, nutzte weiterhin die gleiche eigene Sprache und Kultur, ernährte und versorgte die gleichen Gutsherren. Dadurch, dass die übergeordneten Eliten und ihre kulturelle Orientierung wechselten – erst polnische, dann russische, erst orthodoxe, dann protestantische, schließlich katholische – veränderte sich für das Volk nichts. Verschiedene Gesellschaften lebten hier gleichzeitig auf ein und demselben Gebiet. Es ist unwichtig, ob sich das Volk Litauer, Nalschaner, Drygowizer usw. nannte. Die Elite hatte ihr belarussisches Volk verraten. Freiwillig oder unfreiwillig – das ist hier nicht so wichtig.

Warum ist es nicht wichtig?
Weil es nicht um den Verrat einer konkreten Person, sondern um den lang andauernden Verrat einer ganzen Bevölkerungsschicht an den Staatsinteressen, dem Land, den gemeinsamen Perspektiven geht. In der ersten Generation kann man vielleicht noch die wichtigsten Personen herausstellen, aber danach handelt schon eine Masse, in der jeder von seinen eigenen, kleinen Interessen geleitet wird.
Bis 1385, bis zur Union von Krewa, vergrößerte der Staat sein Territorium, wurde multiethnisch, konnte sich weiterentwickeln und seine Staatssprache (belarussisch, oder, wenn man so will, litauisch, kriwizisch, drygowizisch, nalschanisch) in den eigenen und den dazugewonnenen Gebieten etablieren. Zur Zeit der Union von Krewa waren Vytautas und Jogaila zu unversöhnlichen Gegnern geworden. Diese persönliche psychologische Situation beeinflusste die weitere Entwicklung des Staates. Die Brüder beginnen eine Reihe innerer Fehden, woraufhin Vytautas einen schicksalhaften Fehler beging: 1399 verliert er die Schlacht an der Worskla gegen die Tataren, wahrscheinlich aufgrund seiner Ambitionen, obwohl er den Sieg schon fast in Händen hielt. Dies war die finsterste Schlacht in unserer Geschichte – die gesamte Armee wurde zerschlagen, 70 Fürsten kamen ums Leben…

Und was wäre passiert, wenn er gewonnen hätte?
Ihm wäre eine komplette Soldatengeneration erhalten geblieben, zweitens hätte er neue Territorien hinzugewonnen und sich dementsprechend materiell gestärkt. Das Wichtigste ist, dass dieser Sieg den Polen damals nicht erlaubt hätte, auf der Wiedergeburt der Union zu bestehen. Vytautas hätte sich seine dynastischen Ansprüche auf das Großfürstentum gesichert, was absolut essentiell war. Bis 1430, als er starb, konnte er keine Königskrone erhalten, wovon er geträumt hatte. Er konnte sich keinen Nachfolger sichern – und die Polen diktierten ihre Bedingungen. Einige Jahre später brachten sie Sigismund, Vytautas’ Bruder auf den Thron, eine schwache, unscheinbare Persönlichkeit. Er wurde von Alexander Tschartoryski ermordet, einem orthodoxen Fürsten aus dem Geschlecht der Gediminowitscher, der damit vermeintlich die orthodoxe Elite verteidigte, die Sigismund unterdrückte. Tschartoryski selbst flüchtete ins Moskauer Reich.
Nach Sigismund wurde Jogailas Sohn Kasimir, der in Polen erzogen worden war, zum Fürsten ernannt. Gemeinsam mit ihm kommt auch eine ganze Schar von Würdenträgern, die die entsprechende Ideologie absichern sollten. Da die Hauptstadt des Großfürstentums faktisch nach Krakau verlegt wird, verliert die lokale Elite die notwendige Energie, um ihren eigenen Staat weiter zu entwickeln. Sie hat nur eine staatliche unnütze Aufgabe vor Augen – den eigenen Besitz zu vergrößern. Die Vertreter der so genannten Elite begreifen, dass sie, um nach Krakau reisen zu können, den Normen des polnischen Hofes entsprechen müssen – dort das Benehmen lernen müssen und Gönner finden. 1480 beginnt der Einfall des Fürstentums Moskau, mit dem alle Gebiete zurückgegeben werden musste, die von uns mit Blut und Krieg erkämpft worden waren. Die so genannte Elite widersetzt sich, da sie ihre Gebiete und ihre Macht nicht verlieren möchte, hat aber keinen Herrscher, der an einem Widerstand gegen die Aggressoren interessiert ist. Infolge dessen gehen die Gebiete verloren und das Land wird geschwächt. Dies zieht sich hin bis zur Union von Lublin.
1569 vereint die Union Polen und das GFL in einem Staat – die Rzeczpospolita. Ein Jahr später heißt sie schon Rzeczpospolita Polska.
Das III. Statut Lev Sapiegas und der Sejmkommission, das heute alle für einen Sieg halten, sah meiner Meinung nach das Wichtigste nicht vor – einen eigenen Herrscher des GFL (des Staates). Unser Großfürst hatte diese Rolle nur als Zweitbeschäftigung – denn sein Hauptinteresse galt dem königlichen Thron in Polen. Unsere Elite hatte keine Aufgabe im Staatsaufbau mehr und beschäftigte sich – wie die Hamster – mit dem individuellen Anhäufen von Reichtümern.
Die bäuerliche Schicht der Leibeigenen sicherte die materielle Grundlage der Elite, sie wurde bis aufs Letzte ausgequetscht, zumal es auf unseren Gebieten weder nutzbringende Bodenschätze, noch Flüsse, noch ein Meer gab – also Bedingungen, wie beispielsweise in England oder Holland. Und dieser Zustand dauerte an bis zu den drei Teilungen. Der Anschluss an Russland brachte eine andere Staatssprache. Die neue Beamtenschaft kann man nur schwerlich eine belarussische Elite nennen. Gegenüber den Problemen des gesamten Territoriums, das seine Staatlichkeit verloren hatte und diese wiedererlangen wollte, waren es entweder polnische oder Besatzungsbeamte. Und zu solchen wurden sogar die eigenen, die aus den Familien Sapiega, Radziwill, Oginski, Tyschkewitsch usw. Auch wenn sie sich auflehnen, so nur, weil sie davon träumen, die polnische Staatlichkeit wiederzuerlangen. Die belarussische haben sie schon für immer vergessen.

Das heißt, ihr Denken wandelte sich entweder in ein polnisches oder ein russisches?
Sie waren polonisiert und hatten für den polnischen Staat gearbeitet, alle Aufstände für die Wiedererrichtung der ehemaligen Grenzen basierten auf polnischer Programmatik. Das einfache, also belarussische, Volk sollte sich komplett polonisieren, um zu wissen, wohin es gehört, wenn es dies aber nicht tat, war absolut unklar, wie man es nennen sollte. Heute haben wir die gleiche Situation. Die Hauptsprache ist Russisch. Deshalb muss dich der Mensch dieser Tatsache entweder mit allen damit verbundenen Folgen entgegenstellen und Kosmopolit werden – weder Belarusse, noch Russe, noch Pole, sondern sozusagen „Bürger der Republik Belarus“; wenn er sich selbst als belarussischsprachiger Belarusse identifiziert, ist er Mensch im Ghetto.

Aus welchem Grund wurde die Hauptstadt von Novogrudok nach Vilnius verlegt?
Es gab mehrere Gründe. In Novogrudok regierte Viten. Auf ihn folgte Gediminas, der in Vilnius saß und von da nicht weg wollte. Ein zweiter Grund war, dass es in Novogrudok keinen Fluss gibt, zum Neman sind es 25 Werst, daher ist das ein sehr ungünstiger Ort.
Aber Vilnius und Novogrudok, das war eine aktive Zone des balto-slavischen Kontaktes, ein Territorium, auf dem sich schon 300 Jahre vor dieser Zeit Balten und Slaven vermischten. Dies ist auch, wenn man diesen Begriff verwenden möchte, das zentrumsbildende Gebiet des belarussischen Volkes. Eben dieses Gebiet brachte die ersten Fürsten für das GFL, beginnend mit Mindaugas, hervor. Richtiger wäre es zu sagen, Gediminas hat die Hauptstadt nicht verlegt, sondern nur verschoben, da alles in einem Staat, auf einem, zentralen Gebiet stattfand. Grundlegende Veränderungen hat dies nicht mit sich gebracht.

Welche Sprache benutzten diese Fürsten?
Die historischen Fürsten, beginnend mit Mindaugas, kamen alle aus dem Gebiet, in dem die Sprache gesprochen wurde, die heute Belarussisch genannt wird. Wie sie genau sprachen, weiß niemand so genau. An der Entstehung des GFL waren verschiedene Regionen beteiligt – die Nalschaner, die Dajnaer, die Polozker, die Minsker, die Litauische und die Polessische. Die Schriftsprache kam von der Kirche – der russischen (in diesem Fall der Kiewer, nicht der Moskauer). Und wo der Ursprung der Rus liegt, kann auch heute niemand genau belegen.

Es existiert die historische Legende, dass die Slaven und Balten hier in Frieden zusammen lebten und keine Konflikte hatten.
Man kann sagen, dass das keine Legende ist, sondern die Realität. Aber was sind schon Frieden und Einvernehmen in jener Zeit? Wenn zu Beispiel ein slavisches Dorf mit zehn Familien und ein litauisches Dorf mit zehn Familien eine Fehde begannen und die Hälfte der Familien dabei getötet wurde, dann war das ein Konflikt. Er war aber so unscheinbar auf diesem Raum, dass man nicht darüber sprechen muss. Der Feldzug der Deutschen gegen die Pruzzen war eine organisierte Invasion, denn sie hatten ihre staatliche Struktur. Aber als Unsere hierher kamen, hatten sie keinen Staat, es waren Stammesgruppen, die einen Ort suchten, um sich niederzulassen. Wenn sie jemanden ausrauben konnten, dann, denke ich, haben sie alles mitgenommen, was es damals mitzunehmen gab – Messer, Sichel, Pferd, Kuh.

Infolge der Verlegung des Schwerpunktes nach Polen wurde Vilnius zu einer Provinzstadt. War denn Vilnius, zum Beispiel zur Zeit Vytautas’ und zur Blütezeit des GFL, eine bedeutende Stadt?
Sie war seit Gediminas Zeiten bedeutend, danach unter Kejstut und Algerd und zu Beginn auch unter Jogaila. Es war die Hauptstadt eines großen Staates. In Vilnius wurde gebaut, es gab mehrere Schlösser, eine Stadtmauer, einen Fluss, gute Anbindungen und Straßen. Später jedoch, als die Funktionen der Hauptstadt der Fürstentums (also des Ortes der wichtigsten Entscheidungsfindungen) nach Krakau und später nach Warschau verlegt wurde, tauchte eine ganze Reihe von Problemen auf, die die Entwicklung einer eigenen Hauptstadt von entsprechendem Format hemmten. Die Entwicklung des Staates stagnierte und die Stadt war zu provinziellem Status verdammt.

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